Bericht Technik im Biolandbau

Im Wechsel zwischen Theorie und (noch mehr) Praxis verlief das zweite Seminar zum Thema „Technik im Biolandbau“ mit rund 40 Teilnehmern dieses Mal in der Versuchswirtschaft der Universität für Bodenkultur in Groß-Enzersdorf mit hochkarätigen Referentinnen und Referenten. Das Seminar war von unserem Kooperationspartner, der Hochschule für Agrar- und Umweltpädagogik, als Fortbildungsveranstaltung für Lehrer und Berater ausgeschrieben worden.

IMG_008340 interessierte Teilnehmer/innen folgten der Einladung des ÖKL zum Seminar.

Zu Beginn des Fachseminares referierte Frau. Dr. Heide Spiegel (AGES) über die wichtigen Funktionen des Bodens. Neben der Produktionsfunktion, Lebensfunktion und der Regelungsfunktion stellt Frau Dr. Heide Spiegel in den Raum, dass es immer wieder darauf ankommt, dass der vorhandene Boden so nachhaltig wie möglich bewirtschaftet wird. Dadurch können langfristig das Produktionsniveau (Erträge/ha), die N-Aufnahme und die N-Ausnutzung im Gegenzug gesteigert werden.

IMG_0090Laut AGES führen nicht wendende Maßnahmen nicht immer zu Ertragszuwächsen.

Nicht zu vergessen sind die Methan- und Lachgasemissionen bei erhöhter Anzahl von Bodenbearbeitungsmaßnahmen und die Wichtigkeit der Anzahl und der Aktivität der Regenwürmer (ausreichend Biomasse zur Verfügung zu stellen!). Die Fragestellung: „Pflügen versus konservierende Bodenbearbeitung“ wurde anhand eines Langzeitversuches an der Versuchsanstalt Fuchsenbigl seit 1988 erläutert. Es kamen MT: Frässaat, RT: Grubber nach Ernte und im Herbst, CT: Pflugbearbeitung im Herbst, Grubber nach der Ernte zum Einsatz. Weiters wurde der Seminargruppe die CATCH­C mittels einer statistischen Auswertung der Bodenindikatoren, mittels eines Vergleiches konservierende Bodenbearbeitungsverfahren (nichtwendende Bodenbearbeitung, Direktsaat) mit Referenzverfahren (Pflug) die Unterschiede näher gebracht. Dabei wurden die Faktoren Klima, Kultur, Bodentextur, Tongehalt und Anwendungsdauer eines Bodenbewirtschaftungsverfahrens untersucht und die Indikatoren z.B.: Konzentrationen und Vorräte berücksichtigt. Die Auswirkungen und damit Schlussfolgerungen auf die Produktivität und Bodenqualität können erst nach zehn Jahren nachgewiesen werden, erläutert Frau Dr. Spiegel. Eines steht fest, dass kein untersuchtes Bodenbearbeitungsverfahren alle Ziele bzgl. Ertrag, Klimaschutz etc. zugleich erfüllt. Nicht wendende Bodenbearbeitungsmaßnahmen führen im schlimmsten Fall zu extremen Bodenverdichtungen und einer Erhöhung der Stickstoffdioxid-Emissionen um mehr als das Dreifache.

An das Referat von Frau Priv.-Doz. Dr. Heide Spiegel, die bereits die Wichtigkeit der Regenwürmer unterstrichen hat, folgte Frau Mag. Katharina Roth von der Bioforschung Austria mit dem Fachvortrag „Regenwürmer – wertvolle landwirtschaftliche Nutztiere“. Der Regenwurm als das stärkste Tier weltweit im Verhältnis zu seiner Körpergröße kann bis zu 1,3 kg/cm² Boden bewegen, ein Mensch mit ca. 60 kg müsste somit 3.000 kg/cm² im Verhältnis stemmen und mobilisieren können.

IMG_0095Frau Mag. Katharina Roth berichtet über die wichtigen Funktionen der Regenwürmer in unseren Ackerböden

Die Regenwürmer „fressen“ im übertragenen Sinn sehr viel und können bis zu 80 % pflanzenverfügbare Nährstoffe den Pflanzen zu Verfügung stellen. Das laute Gerücht, dass Regenwürmer Angst vor Wasser haben und deswegen an die Oberfläche kommen, kann dementiert werden. Wenn das Wasser mit viel Sauerstoff versetzt ist, kann der Regenwurm bis zu zwei Tage darin überleben. Ebenso bei starken Erschütterungen, reagiert der Regenwurm sehr sensibel und kann sauer und salzig unterscheiden. Durch die peristaltischen Bewegungen kann der Regenwurm bis zu fünf Meter pro Nacht zurücklegen und bis zu einer Länge von 30 cm wachsen.

P1040454Das mobile Bodenlabor gibt einen weiteren Einblick in die Lebensweise der Regenwürmer.

Es werden ca. 250 Würmer/m² gezählt, das sind umgerechnet auf einem Hektar ca. 2.000 kg Regenwürmer. Als Schlussfolgerung für die Seminargruppe sind die Lebendverbauung und die Funktion der Regenwürmer für ein aktives Bodenleben essentiell.

IMG_0103Teilnehmer beim Mikroskop; das Leben im Boden kennenlernen und verstehen.

 

Der Obmann des ÖKL-Arbeitskreises „Landtechnik in der biologischen Landwirtschaft“, DI Dr. Gerhard Moitzi, erläuterte die Frage „maschinengerechte Land(wirt)schaft oder land(wirt)schaftsgerechte Maschinen?“ wie folgt: „Es ist erforderlich, die Maschinen an die bestehende Landwirtschaft anzupassen, nicht aber umgekehrt die Landwirtschaft der Maschine! Versuche, welche das letztere Ziel verfolgten, sind stets gescheitert.“

P1040443Prof. Dr. Gerhard Moitzi geht speziell auf den Zielkonflikt „Landtechnik sensibel in der biologischen Landwirtschaft einsetzen“ ein. Wieviel Landtechnik ist notwendig?

Hier geht´s zur Präsentation von Dr. Moitzi.

Darüber hinaus: Ist es ethisch-moralisch vertretbar, mit schweren Maschinen über den Boden zu fahren? Hier steht die Wettbewerbsfähigkeit des Pflanzenbaus im Spannungsfeld zum physikalischen Bodenschutz. Ein weiterer Aspekt ist, dass in Europa die Vollkosten für z.B. ein Hektar Getreide von der letzten Ernte bis zur kommenden Ernte zwischen 90 Euro im günstigsten und 220 Euro im höchsten Fall liegen. Diese Spanne ist an regionale Mehraufwände und Erschwernisse gebunden, aber dennoch muss künftig in landwirtschaftlichen Betrieben ein noch größeres Mobilisierungspotenzial zur Erhöhung der Prozess- und Bedieneffizienz ausgeschöpft werden. Der Marktdruck kann sich über mehrere Bereiche strecken. Die wichtigsten sind Maschineneffizienz, Prozesseffizienz, Effizienz durch Bedienung und Einsatz alternativer Energiequellen. Wenn diese vier effizienzsteigernden Maßnahmen in Zukunft auf Betrieben angewendet und ordnungsgemäß umgesetzt werden, kann neben einer Produktionssteigerung mit einer Kosteneinsparung gerechnet werden, die wiederum CO2 einsparen lässt. Gerade für die biologische Landwirtschaft ist es notwendig, das Bodenleben zu halten und standorttypisch zu steigern. Die Pflanzenwelt mit ca. 25 t/ha und die Tierwelt mit ca. 5 t/ha sind die Indikatoren für ein gesundes Bodenleben. Gerade mit dem Reifendruck in Radialreifen, welcher auf dem Ackerboden gegenüber dem Reifendruck auf der Straße abgesenkt werden sollte, ist die Radlast ein wichtiger Maßstab. Es muss Bewusstsein geschaffen werden, dass mit weniger Radlasten gefahren werden muss, damit der Druck in den Boden abnimmt. Es muss in Zukunft Regeln geben, wie tief ein bestimmter Druck in den Boden eindringen darf. Gerade im Biolandbau sind die Auswirkungen auf den Wasser- und Gasfluss, einem der wichtigsten Voraussetzungen für die Bereitstellung von pflanzenverfügbarem Stickstoff, welche die Regenwürmer zur Verfügung stellen, von größter Bedeutung.

Ein wesentlicher Punkt im Bio-Landbau ist der Verzicht auf die chemische Unkrautregulierung. Lange Zeit wurde in Österreich Mais auch deshalb nur in sehr begrenztem Umfang angebaut, weil derartige Mittel nicht zur Verfügung standen und nur das aufwändige Hacken von Hand blieb. (Die Ironie: der totale Aufschwung kam mit dem Wunderwirkstoff Atrazin, das später annähernd so in Verruf geraten sollte wie heute das Glyphosat.) In anderen Kulturen wie Gemüse war das händische Hacken noch eher rentabel, bis auch hier die Maschine den Menschen ersetzte.

P1040450DI Franz Handler (Josephinum Research) erläuterte das Funktionsprinzip der elektronischen Steuerung an Hackmaschinen, wonach eine oder mehrere Farbkameras den Bestand aufnehmen. Aus den grünen Bildpunkten wird die Position der Maschine relativ zu den Reihen berechnet und diese entlang eines Rahmens am Dreipunkt seitlich verschoben. Auch eine Kombination oder die bloße Steuerung mit Spurrädern ist möglich, das am Hang einen Vorteil darstellen kann.

Das menschliche Auge kann eher abstrahieren als die Elektronik, die unter bestimmten Helligkeitsbedingungen (starke Sonneneinstrahlung mit Schatten und Reflexionen) ihre Grenzen findet. Dies gilt auch bei oder starker Verunkrautung zwischen den Reihen oder noch sehr kleinen Pflanzen. Bei letzterem bildet z.B. die Markiersaat mit Getreide eine Möglichkeit –hier bringt auch böiger Wind die Steuerung nicht aus dem Konzept.

Die Wirtschaftlichkeit der relativ teuren Steuerung hängt mit der Auslastung – also der Umlegung der Fixkosten auf mehrere oder weniger Einsatzstunden – zusammen. Dies gilt insbesonders für das Hacken in der Reihe. (In diesem Zusammenhang darf an das beim Maisbau-Kolloquium des ÖKL 2013/14 vorgestellte Gerät „Robovator“ erinnert werden. Es schert mit korkenzieherartig geformten und rotierenden Werkzeugen das Unkraut ab und kostet bei zwei Metern Arbeitsbreite 87.000 Euro). Eine ähnliche Lösung zeigte Handler in einer Videosequenz. Relativ viele Hersteller haben sich der Lösung dieses Problems angenommen.

Der Nachmittag wurde am Anwesen der BOKU in Groß-Enzersdorf von Herrn Karl Auer mit DI Franz Handler und Herrn Gerold Wagner („Terrasmart“) gehalten. Bei der Ziehung einer Spatenprobe und Bestimmung der Bodenstruktur und des Bodengefüges gab Karl Auer den Teilnehmern mit auf den Weg, dass der Spaten, bevor die eigentliche Einstellung der Maschine vorgenommen wird, Aufschluss gibt, wie der Boden bearbeitet werden sollte.

Gruppe Technik im BiolandbauDie Interessierte Gruppe stellte Fragen bis in den späten Nachmittag.

„Hersteller sollten so eine Vorrichtung serienmäßig auf den Traktoren haben“, stellte Karl Auer fest. Die Auswahl der richtigen Schare auf dem Bodenbearbeitungsgerät, die richtige Anhängung am Dreipunktgestänge, die richtige Tiefenführung, die Fahrgeschwindigkeit und das Bodenbearbeitungsziel (Maßnahme) muss jedem Fahrer klar sein, bevor er den Acker bearbeitet.

Franz HandlerDI Franz Handler empfiehlt, in der Praxis VOR der Bodenbearbeitung eine Spatenprobe zu ziehen. „Auf jedem Traktor gehört eine Halterung für einen Spaten montiert!“

Zur Überleitung in den praktischen Nachmittag referierte Karl Auer (Fa. Ertl-Auer) über die Bodenbearbeitung in der biologischen Landwirtschaft und die richtige Einstellung der Bodenbearbeitungsgeräte. In der biologischen Landwirtschaft sind vitale Pflanzenbestände oberstes Ziel, weiters sichere Erträge auf gutem Niveau und das Halten bzw. die Steigerung des natürlichen Wachstumspotenzials.

Fachgespräch AuerKarl Auer hatte durch seine 30-jährige Erfahrung das notwendige Feingefühl, den Teilnehmern die Bodenbearbeitung im biologischen Landbau zu präsentieren.

Zu Beginn als die drei Meter Kreiselegge mit Säkombination auf den Markt gekommen ist konnte man noch mit einem ca. 80 – 100 PS Traktor diese Kombination aufheben und für die Saat am Feld betreiben. In Zeiten der höheren Schlagkraft und der aufwendigeren Bodennachbearbeitung sind schwerere Saatgutbehälter aufgebaut worden um die Kapazität zu erhöhen. Neben einer einfach Rückverfestigungswalze, muss nun eine schwere Prismenwalze eingesetzt werden. Die technische Nutzlast ist bei manchen Gespannen, Frontgewicht oder Frontpacker und Heckkombination (Kreiselegge, Sägerät und Nachlaufgeräten) an die gesetzliche und technische Grenze gestossen. Nichts desto trotz, sind das Fragestellungen an die Gesetzgebung und an die technische Machbarkeit, dennoch ist jedes Kilogramm, zusätzliche Radlast und schadet dem Bodenleben, der Bodenstruktur und dem Bodengefüge. Karl Auer spricht es direkt an „Die Natur im Energiesparmodus auf Hochleistung bringen“. Das bedeutet für den Bewirtschafter, dass der Bearbeitungshorizont exakt auf die Bedürfnisse der nachfolgenden Kultur angepasst werden müssen.

Bei nur einem Zentimeter Bodenbewegung werden ca. 150 Tonnen pro Hektar mehr bewegt. Das sind umgerechnet pro zu viel bearbeitenden Zentimeter ein Liter/ha mehr Kraftstoff.

Das Thema Stoppelbearbeitung und diese vor allem im biologischen Sinne richtig durchzuführen, wird primär auf eine flache und ganzflächige erste Bodenbearbeitung gesetzt. Dabei ist die Auswahl der richtigen Schar und gegebenenfalls technisch vorhanden „Schnellwechselscharsystem“ besonders effizient. Mit diesem System können Stoppelbearbeitung bis Grundbodenbearbeitung durchgeführt werden, bis zu einer Tiefe von 30 Zentimeter.

Herr Gerold Wagner von der Firma Terrasmart diskutierte die Thematik „Reifendruck“ mit einem selbst gebauten Reifendruckregelmodell, wo innerhalb von ca. 6 Minuten der Reifendruck je um ein Bar erhöht werden kann. Viele Hersteller bieten Anlagen je nach Funktion und Preisklasse an. Vom einfachen Ablassventil über außenliegende Ventile mit Manometersteuerung in der Fahrerkabine bis zu voll integrierten Systemen mit Bedienung über das Traktorterminal.

Gerold WagnerGerold Wagner präsentiert sein System einer Reifendruckregelanlage (Modell)

Die Hersteller versuchen die Befüllzeiten zu beschleunigen, damit es zu keinen Standzeiten kommt. Nur wenn, die Systeme einfach zu bedienen sind, werden diese vom Anwender eingesetzt, erklärt Gerold Wagner.

Ca. 17 Uhr endete das zweite Seminar zum Thema „Technik im Biolandbau“ mit der Zertifikatsübergabe im Theoriesaal. Aufgrund der zahlreichen Anmeldungen wird im Seminarjahr 2016 für dieses Seminar eine Wiederholung stattfinden.